Liegeräder – Geht’s noch ein bissel bequemer?

Es klingt beinahe wie eine unerfüllbare Wunschliste an deinen Fahrradhändler:

Sehr bequem soll es sein, selbst über Stunden. Optimale Aerodynamik wird vorausgesetzt und dazu noch einen dauerhaften Hauch von Gemütlichkeit. Viel leichter soll es gehen, leichter als beim konventionellen Radeln … und mit weniger Kraftaufwand möchte der potentielle Käufer zudem schneller ans Ziel kommen. Kultig und Stylisch soll es sein, bitte! Und wäre auch ein Rundumschutz vor miesem Wetter möglich? Ach ja, auch die Sicherheit soll natürlich ganz oben stehen, und der Spaßfaktor erst recht!

Ein Ding der Unmöglichkeit, mag man meinen, oder?

Mitnichten, denn:

Kein Problem, sagt der Kenner, und empfiehlt dem anspruchsvollen Kunden ein Liegerad.

Wer nach einem Liegerad schielt, wird sich meist darüber bewusst sein, dass sich diese Räder in der  Ausstattung und vor allem preislich vom konventionellen Bike abheben, und zwar nach oben hin, schließlich wirst du mit diesen Bikes mehr Speed erreichen, um nur einen relevanten Punkt zu nennen. Sehr gute Bremsen sind also Pflichtprogramm.

Sogar die Sitzposition kann gewählt werden, dabei hatten es die Erfinder der ersten Liegeräder wirklich nicht leicht. Es ging auf und ab, als wäre vieles absichtlich an die Geschichte des Zweirades im Allgemeinen angelehnt worden – nur etwas komprimierter. Manchmal drohte das Aus, dann sank die Popularität beinahe ins Bodenlose, doch auch hier gaben die Liebhaber und Tüftler nicht auf, wie immer, wenn experimentelle Konstruktionen verlockende Potentiale bieten.

Die Idee eines Liegerades bot schlichtweg zu viele Vorteile, als dass es einfach von der Bildfläche verschwinden sollte.

Wodurch zeichnen sich Liegeräder aus?

Auf den ersten Blick fallen uns folgende Merkmale auf:

  • Eine bequeme, nach hinten geneigte Sitzposition.
  • Anstatt auf einem schmalen Sattel nehmen wir auf einem komfortablen Netz- oder Schalensitz platz.
  • Tretlager und Pedale befinden sich vorne.
  • Eine deutlich längere Kette sowie Rückspiegel und viele Varianten in Sachen Radstellung und Radanzahl.
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Eine schwere Geburt

Der Stand der ersten Liegeräder war kein leichter. Die anfänglichen Ideen wurden 1890 umgesetzt und begeisterten zunächst einmal eine relativ kleine Anhängerschaft, ehe diese zarte Radpflanze bereits einen ersten Rückschlag erlitt: Da diese Räder als »nicht wettkampftauglich« eingeordnet wurden, stagnierte mit dem Interesse gleichsam auch die Weiterentwicklung. Teils wurde noch mit kuriosen Varianten getüftelt, beispielsweise mit Bauchliegerädern, bevor Peugeot dann einen großen Schritt nach vorne machte, indem dieser Hersteller im Jahre 1914 das erste Liegerad in Großserienproduktion brachte.

Das muss der erste Knackpunkt gewesen sein, denn schließlich bekam jenes Radmodell 1934 von der UCI Wettkampftauglichkeit zugesprochen. Doch dieser positiven Entwicklung zum Trotz sank das Interesse rasch wieder und zwar über ganze 30 Jahre. Lediglich Kleinserienmodelle waren auf dem überschaubaren Markt zu finden.

Erst die Praktikabilität machte in den 1930 Jahren Arbeiterfamilien auf den zuverlässigen Begleiter aufmerksam. Ein Liegerad war wesentlich günstiger als ein Auto, was dem Interessenstellenwert zu Stabilität verhalf. Doch über einen Berg musste es das Liegerad noch schaffen. Dazu verhalfen ihm tatkräftige Unterstützer …

Unabhängige Liebhaber sowie der experimentierfreudige Mochet, ein französischer Konstrukteur, bewahrten das Liegerad vor dem Aus. Der letzte Berg einer bedrohlichen Interessenlosigkeit wurde somit 1976 überwunden, nachdem die IHPVA (International Human Powered Vehicle Association) begann, die Entwicklung von muskelkraftbetriebenen Fahrzeugen aller Arten zu fördern. Regelmäßige Wettbewerbe, wozu auch Liegeräder zugelassen waren, wurden ins Leben gerufen.

Bereits 1980 ergatterten die Liegefahrräder einen Kultstatus in vielen Städten, insbesondere in Frankfurt am Main, wo sie auch heute noch das Stadtbild prägen.

Dank der sportlichen Leistungen sowie diverser Studien zum Thema bekam diese Radvariante neuen Auftrieb. So konnten in den 1990er Jahren schließlich Großserienmodelle angeboten werden, was dem Bekanntheitsgrad eine enorme Schubkraft verlieh. Damit waren sämtliche Hürden überwunden und der Siegeszug konnte problemlos fortgesetzt werden.

Freizeitradler, gesundheitlich angeschlagene Menschen, aber auch Sportler feiern diese Art der Fortbewegung zunehmend. Circa 20-30% Luftwiderstand werden aufgrund der hochliegenden Beine, der insgesamt eher gestreckten Sitzposition sowie weniger bremsender Luftwirbel erreicht.

Worüber können sich Liegeradler freuen?

Zum einen über den ausgesprochen bequemen Sitz. Wählbar sind beispielsweise Schalen- oder Netzsessel. Gerade bei letztgenannter Variante drückt und scheuert faktisch nichts mehr.

Da der Schwerpunkt weit unten liegt, sind Liegeräder seht gut zum Transport von Lasten geeignet. Allerdings musst du auf einen Rucksack sowie auf eine Lenkertasche verzichten. Für Liegeräder gibt es eigens angefertigte Taschen, die zum Beispiel am Sitz oder am großen Gepäckträger anzubringen sind.

Selbst in Sachen Reparaturen unterscheidet sich ein Liegerad nicht sonderlich von »normalen« Fahrrädern. Bezüglich des Verschleißes sind sie durchaus vergleichbar, lediglich was besondere Komponenten betrifft, die wir nur bei Liegerädern vorfinden, müssen Ersatzteile direkt beim Hersteller angefragt werden.

Ganz gleich, ob aus medizinischen Gründen oder weil man es einfach bequem mag, wirst du dich in einem Liegerad über mehr Komfort freuen können. Du schonst außerdem deine Arme und Hände, sowie auch die Handgelenke. Zur guten Sicht nach vorne brauchst du deine Halswirbelsäule kaum bemühen, denn die Kopfhaltung ist nur gering geneigt. Insgesamt tust du vor allem deiner Wirbelsäule sowie deiner Schulterpartie etwas Gutes und kannst nahezu ermüdungsfrei deine Touren genießen.

Durch die vorteilhafte Sitzposition raten auch Mediziner zu dieser Art der Fortbewegung. Selbst Bandscheiben können sich regenerieren, ja ein Vorankommen ganz ohne schmerzhaftes Einklemmen von Nerven ist damit möglich!

Als leidenschaftlicher Radler brauchen auch Männer mit Prostataleiden nicht länger auf ihre Rad-Touren verzichten, zudem entfallen Reizungen der Fingernerven, die sich während der Radeltouren auf konventionellen Fahrrädern durch Kribbeln oder Taubheitsgefühle bemerkbar machen können. 

Durch die Abstützung des Beckens und des Oberkörpers an der Rücklehne, wird deine Kraft deutlich besser auf die Tretkurbel übertragen. Dabei musst du dich nicht mit den Armen abstützen beziehungsweise eine Gegenkraft aufbringen, wie es beim gewöhnlichen Radeln nötig ist. Die Sitzposition bleibt daher ermüdungsfrei.

Als Prädestinierte sind hier Migräne-Geplagte zu nennen sowie auch alle, die unter Nackenproblemen und Verspannungen leiden. Ihr kommt beim Liegeradeln auf eure Kosten ohne hinterher Beschwerden verzeichnen zu müssen. Dank verschiedener Radvarianten kannst du auch hier deinen Favoriten wählen, der bestimmt perfekt zu dir und deinen Bedürfnissen passt. Mach dein Liegerad zu deinem mobilen Lieblingsplatz!

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Der Sicherheitsfaktor

Ganz gleich, wie umsichtig wir unterwegs sind, oftmals sind es andere, die leichtfertig unseren Weg kreuzen. Generell können wir Unfälle meist verhindern, indem wir vorausschauend radeln und immer aufmerksam unsere Umgebung im Blick behalten.

Sollte es wider Erwarten doch mal einen kleinen Crash geben, bekommst du – im Vergleich zum konventionellen Rad – mehr Sicherheit auf einem Liegerad geboten. Aufgrund des tiefen Schwerpunkts wird bei abrupten Bremsmanövern oder unfreiwilligen Stopps durch Hindernisse ein Schleudern über den Lenker verhindert. Schwerpunkt und verlängerter Radstand schützen dich vor Überschlägen. Im Falle eines Aufpralls sind deine Füße und Beine an der Front, sprich: anders wie beim Radeln mit konventionellen Fahrrädern werden Kopf und Wirbelsäule besser geschützt. Zusätzlich befindet man sich auf einem Liegerad bereits nah am Boden, was einen tiefen Fall und damit verbundene Verletzungen verhindert.

Nachteile

Nach der ganzen Lobhudelei ist es nun an der Zeit, auch die Nachteile zu benennen. Die sind bei Liegerädern nicht unerheblich und für so manchen Kauffreudigen vielleicht Grund genug, sich im Zweifelsfall doch für ein konventionelles Bike zu entscheiden.

  • Zum einen liegt es auf der Hand, dass so ein Liegerad schwerer und auch sperriger daherkommt. Mal eben über einen hohen Bordstein fahren zu wollen, kann bereits zum Problem werden. Bedingt durch die kleinen Räder und das starre Fahrverhalten, wirst du dich überwiegend auf ebenen Strecken mit abgesenkten Bordsteinen bewegen müssen.
  • Zudem ist die Mitnahme eines Liegerades in Autos wie auch in öffentlichen Verkehrsmitteln meist unmöglich. Eine Chance hast du in diesem Fall höchstens mit einem faltbaren Modell, doch selbst das wird entsprechend Gewicht mitbringen …
  • Apropos Gewicht:  Die 20-30 Kilo (außer bei Profimodellen, doch selbst da liegst du immer noch zwischen 8-12 Kilo) werden dich womöglich während weitläufiger Anstiege stören. Eventuell bestehst du deswegen auf einen kleinen Helfer: einen Motor. Doch die Pedelec-Varianten sind leider auch teurer …
  • Liegeräder findest du nur in Einheitsgrößen. Und da sie in relativ überschaubarer Stückzahl produziert werden, wirst du für solch eine Rad-Variante viel berappen müssen. Die Preisspanne liegt zwischen mindestens 1000 bis über 10 000 Euro.
  • Anpassbar sind Liegeräder ausschließlich über wenige Einstellungsmöglichkeiten. Beispielsweise kannst du dein Liegerad an deine Körpergröße anpassen, indem du den Sitz oder Ausleger mit dem Tretlager verschiebst. Allerdings wirst du durch dieses Justieren keine beispielsweise sportlichere Sitzposition erreichen können.
  • Insgesamt hast du einen schlechteren Überblick über die Verkehrssituation, schließlich sitzt du weit unten und musst auf Blicke über die Schulter verzichten. Rückblicke ermöglichen dir lediglich die Rückspiegel.
  • Bei unverkleideten Liegerädern trifft dich ein Schauer ausnahmslos überall. Da hilft selbst ein Cape nur wenig. Du wirst im Regen bald aussehen wie in begossener Pudel, außer du hast dein Bike mit einem Streamer oder einer Frontverkleidung aufgerüstet. Wirklichen Schutz bietet letztlich jedoch nur ein vollverkleidetes Velomobil.
  • So schnittig wie auf konventionellen Bikes kannst du leider nicht unterwegs sein. Nimmst du diese Einschränkungen gerne in Kauf und spielen für dich persönlich die Vorteile eines Liegerades eine größere Rolle, wirst du sehr viel Freude mit deinem Liegerad haben. Bei der Entscheidung kommt es schlichtweg auf die persönlichen Bedürfnisse und Prioritäten an. So unterschiedlich der Alltag eines jeden ausfallen mag, so verschieden beurteilt er auch die Vorzüge von konventionellen Bikes und Liegerädern.
  • Liegeräder sind hinter parkenden Fahrzeugen für einen Autofahrer nahezu unsichtbar, daher solltest du bei diesen Vehikeln stets besonders vorausschauend fahren, sofern die Verkehrssituation unübersichtlich oder chaotisch ist. Dies gilt auch bei Nachtfahrten oder während zunehmender Dämmerung. Gegenlicht durch Autoscheinwerfer sowie eine tief stehende Sonne werden dich blenden.
  • Durch deine Sitzposition empfiehlt es sich, besser alles in Fahrradtaschen aufzubewahren, statt in deinen Hosentaschen. Aus diesen fällt im Sitzen nämlich schnell etwas heraus. Durch die stete Tretbewegung werden Geldbörsen und andere Inhalte geradezu herausgeschoben, sofern du deine Taschen nicht mittels eines Verschlusses gesichert hast.
  • Wenn du ein Liegerad mit nur zwei Rädern nutzen möchtest, wirst du schwierige Bodenverhältnisse nur schlecht ausgleichen/ausbalancieren können. Auch die kleinen Räder erschweren das Fahren auf glattem oder sehr unebenem Untergrund.

Liegeradtypen

Kurz gesagt kann man grob zwischen folgenden Liegerad-Typen unterscheiden: Es gibt  Tief-, Lang- und Kurzlieger sowie das Sesselrad.

Dazwischen finden wir zahlreiche Varianten, beispielsweise mit Vorder- oder Hinterradantrieb, aber auch Liegeräder mit und ohne Tretlagerüberhöhung, mit Lenksystemen vor dem Fahrer oder unter dem Sitz. Die Lenkvarianten unterscheiden sich außerdem durch direkte oder indirekte Lenkung. Zudem gibt es Spezialeinsätze und Finessen bezüglich der Rahmenkonstruktionen.

Etliche Varianten sind auch mit Motor-Unterstützung erhältlich, was das Fahrverhalten kaum beeinflusst, da der Schwerpunkt ohnehin sehr tief liegt. Wer gesundheitliche Ansprüche hat, kann sich zudem über Zuschüsse seitens seiner Krankenkasse freuen.

Die Details:

Kurzlieger/Knicklenker: Dank ihrer gedrungenen Konzeption sind sie herrlich kompakt. Der Radstand ist gering, dazu nutzt du hier den Antrieb über das Vorderrad/die Vorderräder. Gelenkt wird über Gewichtsverlagerung.

Sesselräder: Typisch sind ein hoher Sitz, die aufrechte Rückenlehne mit Obenlenker, was sie insgesamt sehr komfortabel macht. Die Kraftübertragung ist  jedoch wenig günstig, daher wird diese Radvariante eher für kürzere Touren bevorzugt.

Langlieger sind Liegeräder mit größerem Radstand, bei denen sich das Tretlager zwischen den Laufrädern befindet. Zwar kannst du die angenehme Laufruhe genießen, verzichtest aber auf eine große Portion Wendigkeit. 

Tieflieger: Diese Variante bietet sich für längere Touren an. Mit einer sehr tiefen Sitzposition kommt sie außerdem äußerst windschnittig daher, weshalb sie sich für eine sportliche Fahrweise eignet.

Des Weiteren unterscheiden wir zwischen zwei- drei- und vierrädrigen Liegerädern. Dreirädrige werden auch Trikes genannt. Dabei kannst du wählen, ob du vorne oder hinten zwei Räder haben möchtest. Drei bzw. vier Räder liegen vor allem in puncto Sicherheit ganz vorne und erleichtern ein bequemes Auf- und Absteigen.

Wer vor Wind und Wetter perfekt geschützt sein möchte, greift besser zu einem Velomobil. Komplett verkleidet kannst du sie für lange Touren einsetzen, aber auch zum Pendeln. Sie zählen außerdem zu der teuersten Radvariante.

Weitere Modelltypen sind:

        Liegetandem (auch als Stufenvariante), Ruder- und Bauchlieger.

Es gibt verschiedene Arten der Lenkung. Man unterscheidet zwischen:

Obenlenker: Die Griffe sind oberhalb des Sitzes, vor der Brust angebracht.

Tiller: Diese Lenker-Art beschreibt einen T-förmigen Lenker vor der Brust des Fahrers. Um ein Auf- und Absteigen zu erleichtern, gibt es diese nicht nur in starrer Ausführung, sondern auch in klappbarer.

UDK: Bedeutet schlichtweg „Um die Knie“. Dieser Aerolenker ist bogenförmig in Höhe der Knie angeordnet.

Untenlenker: Solch ein Lenker wird über seitliche Griffe betätigt.

Panzerlenkung: Die Vorderräder werden jeweils durch Lenkhebel gesteuert. Die Hebel befinden sich seitlich der Sitzfläche.

Unser Fazit

Liegeräder ermöglichen eine bequeme Art der Fortbewegung und bieten selbst ehrgeizigen Sportlern neue Herausforderungen. Ganz gleich, ob aus gesundheitlichen oder ehrgeizigen Gründen, erfüllen sie individuelle Wünsche und lassen uns die Natur auf komfortable Weise genießen sowie den Alltag neu erleben.

Haben wir dir Liegeräder schmackhaft gemacht oder konnten dir bei der Qual der Wahl etwas helfen? Dann greife auch du zum mobilen Lieblingsplatz unter freiem Himmel!

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